Der Hobby-Radsportler Thorsten Ostrowski von Salzgitter Flachstahl fuhr beim „Race Across America“ das Rennen seines Lebens – und half damit MS-kranken Menschen

Auch im Betrieb steigt Thorsten Ostrowski immer wieder auf das Rad – die Wege bei Salzgitter Flachstahl und vor allem im Coillager sind weit

Auch im Betrieb steigt Thorsten Ostrowski immer wieder auf das Rad – die Wege bei Salzgitter Flachstahl und vor allem im Coillager sind weit

Werden Profi-Radfahrer nach ihren aufregendsten Bergetappen gefragt, sprechen sie von Gipfeln in den Alpen oder Pyrenäen. Thorsten Ostrowski erzählt vom Wolfe Creek in den Rocky Mountains – einem Anstieg auf 3.309 m, der ihn höher führte als jede Bergwertung der Tour de France. Der 38-Jährige ist kein Profi, sondern Elektrotechniker in der Verzinkung der Salzgitter Flachstahl GmbH. Und doch fuhr er mit seinem Team eines der wohl härtesten Radrennen der Welt: das „Race Across America“ (RAAM). Seit 1982 nehmen Radfahrer und -teams aus aller Welt die Mühen der Tour auf sich. Die Strecke führt über rund 5.000 km und mehr als 50.000 Höhenmeter von der West- zur Ostküste einmal quer durch die USA und zwölf ihrer Bundesstaaten. An den Start gehen Einzelfahrer, Zweier-, Vierer- und Achterteams. Thorsten Ostrowski fuhr zusammen mit Stefan Fäth, Christian Themetzek und Derk Schneider in dem Vierer-Team „Rad statt Rollstuhl“ alias „Besi & Friends“. Zur Begleitmannschaft gehörten u. a. Navigatoren sowie Fahrer der Mannschaftswagen und eines Wohnmobils. Eigentlich war Andreas „Besi“ Beseler als Rennfahrer vorgesehen – die Seele des Teams, der dem Team auch seinen Namen gab. Doch kurz vor dem Rennen erlitt der an multipler Sklerose erkrankte Teamchef bei einer Trainingsfahrt einen schweren Verkehrsunfall. „Für uns war das ein Riesenschock“, erinnert sich Thorsten Ostrowski. So begleitete „Besi“ die Tour von zu Hause aus. Schon im Herbst 2016 entschied Thorsten Ostrowski mit dem Team, am RAAM teilzunehmen. Schon als Jugendlicher begeisterte er sich fürs Radfahren, doch erst 2006, nach Beendigung seiner Weiterbildung zum staatlich geprüften Techniker bei Salzgitter Flachstahl, begann er, wieder intensiv zu trainieren und ambitionierte Amateurrennen zu fahren.

 

Zwei Jahre Vorbereitungstraining

Nachtfahrten waren beim RAAM nicht unproblematisch – die Fahrer mussten versuchen, immer im Lichtkegel des Begleitfahrzeugs zu bleiben

Nachtfahrten waren beim RAAM nicht unproblematisch – die Fahrer mussten versuchen, immer im Lichtkegel des Begleitfahrzeugs zu bleiben

Mit dem Training für das RAAM startete er 2017 und saß hierfür bis zu 20 Stunden pro Woche im Sattel – bei schlechtem Wetter oft auch nach Feierabend in seinem Haus in Goslar auf der Laufrolle. Am 16. Juni 2018 fiel für das Team „Rad statt Rollstuhl“ an der Strandpromenade von Oceanside, Kalifornien, der Startschuss. Allerdings waren die vier Teammitglieder lediglich während der ersten 400 m und erst wieder ganz am Ende gemeinsam auf der Strecke – die restlichen 4.800 km kämpfte immer nur jeweils ein Fahrer gegen Müdigkeit, Wetter und schwere Beine.

Gleich am ersten Tag wurde Thorsten Ostrowski von einem Sandsturm überrascht, dann lief ihm ein Tier vor das Rad, doch am dritten Tag erlebte er auch einen Höhepunkt – den fantastischen Ausblick, nachdem er den Pass zum Wolfe-Creek-Krater bewältigt hatte. „Es war ein erhabenes Gefühl, das allein die Mühen wert war“, erinnert er sich. Mussten sie in den ersten Tagen in Kalifornien, Arizona, Utah und Colorado mit einer Hitze von bis zu 50 °C kämpfen und auf den endlosen Geradeausfahrten in Kansas Tornados fürchten, änderte sich das Wetter im letzten Drittel des Rennens dramatisch: Erst hatten sie eine Überschwemmung zu umfahren – Derk Schneider stand bis zur Radnarbe im Wasser – dann schlug ihnen Dauerregen ins Gesicht und durchnässte sie bis auf die Haut. „Zuletzt hatten wir überhaupt keine trockene Kleidung mehr“, berichtet Thorsten Ostrowski. Nass und erschöpft, jedoch glücklich und auch ein wenig fassungslos rollte Thorsten Ostrowski nach 6 Tagen und 13 Stunden als Letzter seines Teams morgens um 4.30 Uhr über die Ziellinie. Aber war hier wirklich das Ziel? Die Szenerie wirkte völlig unspektakulär: Eine ältere Dame mit Hund war die einzige Zuschauerin, und der Zieleinlauf machte wenig her – wegen Sturmgefahr hatten die Veranstalter den Zielbogen und das Zielbanner abbauen müssen. „Egal. We did it!“, kommentierte Thorsten Ostrowski den etwas trostlosen Moment. Von einem Begleitwagen eskortiert, rollte das Team die letzten fünf Meilen gemeinsam zum Headquarter im Hafen von Annapolis. „Danach waren wir physisch und psychisch total erschöpft. Im Hotel habe ich erstmal 16 Stunden am Stück geschlafen“, erinnert er sich. „Denn während der Renntage habe ich nie länger als ein bis drei Stunden schlafen können.“ Spätestens nach dem Aufwachen realisierte er dann den Erfolg seines Team: Dritter in ihrem Wettbewerb (Viererteam, männlich, jünger als 50 Jahre). Ein noch größerer Erfolg aber waren vielleicht die 8.000 € Spenden, die das Team mit seiner Teilnahme für die Nathalie-Todenhöfer-Stiftung sammeln konnte, die Menschen hilft, die wie Andreas Beseler an multipler Sklerose erkrankt sind.

 

Ohne das Gesamtteam, die Navigatoren, die Begleitfahrzeug- und Wohnmobilfahrer sowie die Betreuer, wäre keiner der vier Radler ins Ziel gekommen. Verdiente Erfrischung: Bei Mittagstemperaturen von bis zu 50 °C in Missouri brachte ein kühles Entspannungsbad den Kreislauf wieder ins Lot

Ohne das Gesamtteam, die Navigatoren, die Begleitfahrzeug- und Wohnmobilfahrer sowie die Betreuer, wäre keiner der vier Radler ins Ziel gekommen. Verdiente Erfrischung: Bei Mittagstemperaturen von bis zu 50 °C in Missouri brachte ein kühles Entspannungsbad den Kreislauf wieder ins Lot

 

Zu Hause fiel Thorsten Ostrowski in ein großes Loch. „Die ersten drei Monate habe ich überhaupt nicht mehr trainiert“, erzählt er, und auch im Moment fährt er nur wenig. Denn jetzt gehört seine freie Zeit allein der Familie: seinen beiden kleinen Söhnen Yannik (4) und Moritz (2) und seiner Frau Ann-Kathrin. Was bleibt, ist die Erinnerung. Nicht die an die Strapazen, sondern an die vielen Höhepunkte. An die Eindrücke vom Monument Valley, den Rocky Mountains und den Appalachen sowie an die Momente, als er die vier längsten Flüsse Amerikas überquerte: Colorado, Mississippi, Missouri und Ohio. Spätestens dann kommt Thorsten Ostrowski ins Grübeln und gesteht: „Wenn man mich in drei Jahren noch mal fragt – ich würde wohl wieder mitfahren.“

 

Der Film zum Rennen

„ALLE FÜR EINEN – Über wahre Freundschaft und das härteste Radrennen der Welt“ lautet der Titel eines Dokumentarfilms von Barbara Struif und Christian Gropper, die das Team „Rad statt Rollstuhl“ beim Rennen begleitet haben. Einen Trailer mit tollen Aufnahmen aus den USA sehen Sie unter www.vimeo.com/336310323.

Jetzt Freitag, also am 14.06. läuft der Film im C1 Cinema in Braunschweig, Beginn der Vorstellung ist 19:30 Uhr. In Goslar ist der Film im Cineplex am Sonntag, den 23.6., um 17:30 Uhr zu sehen.


Fotos: Rad statt Rollstuhl, Carsten Brand

Dieser Beitrag ist ein Artikel des Konzernmagazins STIL, Ausgabe 02/2019.


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